Bambusbecher – Lösung des Einwegwahns?

Das Studentenwerk Schleswig-Holstein hat kürzlich einen Mehrweg-to-go-Becher aus Bambus eingeführt, um gegen die Müllflut in den Cafeterien zu kämpfen. Laut der deutschen Umwelthilfe fallen in Deutschland 320.000 To-Go-Becher aus Pappe an – pro Stunde! Da jeder dieser Becher nur eine Lebensdauer von etwa 15 Minuten hat, liegt es nahe, Mehrwegbecher anzubieten. Wir haben uns jedoch gefragt, ob es sinnvoll ist, diesen aus Bambus anzubieten und recherchiert, ob es nicht noch bessere Möglichkeiten gibt.

KaffeeliebhaberInnen mögen einwenden, dass Coffee-to-go generell eine Unsitte ist, da Kaffee etwas zum Genießen und nicht zum schnell trinken ist. Diese Diskussion soll jedoch nicht Teil dieser Recherche sein. Die Nachfrage nach Kaffee zum Mitnehmen ist sehr groß in Deutschland.  Aus diesem Grund müssen Lösungen gefunden werden, den aktuellen Müllberg in Deutschland nicht noch zusätzlich zu vergrößern und da ist ein Mehrwegbecher die praktikabelste Lösung.

Aus was besteht ein Becher aus Bambus?

Bei Bambusbechern rechnet man damit, dass sie wenigstens zu einem Großteil aus Bambus bestehen. Dies ist jedoch in drei von vier vom CVUA Stuttgart getesteten Bechern nicht der Fall. Im Gegenteil: „Der Anteil an Bambusfasern wurde (…) bei den einzelnen Proben lediglich zu 20–37 % bestimmt.“ Die restlichen 63-80% bestehen unter anderem aus Melaminharz und Polylactat, das aus den Grundbausteinen Melamin und Formaldehyd besteht. So kann den Bechern die Form und auch Bruchfestigkeit gegeben werden.

Gibt es bei den Inhaltsstoffen bedenken?

Wer Melamin googelt, findet schnell eine Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung, in der darauf hingewiesen wird, „dass bei höheren Temperaturen die gesetzlichen Grenzwerte für den Übergang von Melamin und Formaldehyd aus den Produkten in Lebensmittel überschritten werden. Dies geschieht insbesondere bei 100 °C, dem Erreichen der Siedetemperatur von Wasser.“ Zudem heißt es, dass bis zu 70°C die Nutzung von Melaminharzen in Küchengeschirr unbedenklich ist, was auch das Einfüllen von Tee und Kaffee in die Bambusbecher einschließt. In der Untersuchung des CVUA Stuttgart wird allerdings das Römpp Chemie Lexikon zitiert. Dort steht folgendes: „Die Problematik dieses Materials besteht darin, dass die bei der Produktion nicht vollständig umgesetzten Monomere Melamin und Formaldehyd in das Lebensmittel übergehen können. Das ist besonders problematisch bei Produkten für den Heißkontakt (Kaffeebecher, Suppenschüsseln, Pfannenwender)“

Ist ein Bambusbecher biologisch abbaubar?

Bambusbecher werden oft damit beworben, dass sie biologisch abbaubar sind. Klingt logisch, sie bestehen ja aus dem natürlichen Rohstoff Bambus – oft werden mit dieser Information VerbraucherInnen aber getäuscht. Sind in einem Becher Polylactate, sog. Biokunststoffe enthalten, können diese biologisch abbaubar sein, müssen es aber nicht, wie CVUA Stuttgart feststellt. Sollte solch ein Becher in den Biomüll geworfen werden, wird er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in der Kompostieranlage aussortiert, da er sich nicht von anderen synthetischen Bechern unterscheidet. Zudem weist Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe in Bezug auf den treecup-Becher aus Bambus von Nowaste darauf hin, dass „nicht mit einem kompletten biologischen Abbau in den normalen Zeitzyklen für Bioabfall zwischen 2 und 6 Wochen zu rechnen ist.“

Sind Mehrweg-Becher aus Bambus zu empfehlen?

Es kommt darauf an. Wenn man die Alternative hat zwischen Einweg- und Mehrweg, ist letzteres die bessere Möglichkeit. Wenn man sich jedoch den Bambusbecher genauer anschaut, stellt man schnell fest, dass dies nicht die optimale Lösung ist. Während der ganzen Recherche konnten wir leider keinen Hinweis auf die CO2-Bilanz des Bechers finden. Dies ist insbesondere interessant, da Bambus nun mal nicht in Deutschland wächst, sondern meist aus China hergeschifft wird. Wir haben den Hersteller des Bechers angeschrieben, bis heute allerdings keine Antwort erhalten. Leider hat das Studentenwerk Schleswig-Holstein diesen Becher scheinbar auch nicht aus ökologischen Gesichtspunkten ausgewählt. Sie haben den Studierenden der Uni Kiel vier Optionen eines Mehrwegbechers angeboten, diese haben sich schlussendlich für diesen entschieden. Aus welchen Gründen kann nicht nachvollzogen werden.

Fazit

Das Studentenwerk Schleswig-Holstein hat eine sehr lobenswerte Initiative gestartet, um viel Müll an der Uni zu vermeiden. Der Kauf eines Mehrweg-Bechers zum Selbstkostenpreis von 7,95€ kann sich schnell amortisieren, da man an der Uni bei jedem Kaffee dann zusätzlich 10ct spart beziehungsweise 20ct extra für einen Einweg-Becher bezahlen muss. Trotzdem scheint die Idee nicht zu Ende gedacht worden sein, da Umweltaspekte in der Auswahl des Mehrwegbechers offenbar nicht im Vordergrund standen.

Wie wir bereits in unserem Beitrag über plastikfreie Trinkflaschen festgestellt haben, können wir Behälter aus Edelstahl empfehlen. Diese sind bruchfest, das Material ist hitzebeständig und es können keine gesundheitsgefährdende Stoffe in das Getränk kommen. Einziger Nachteil ist die hohe Energieintensität bei der Produktion. Dafür können Edelstahlbecher einen aber das ganze Leben begleiten. Ein Edelstahlbecher klingt leider nicht ganz so toll wie einer Bambus und der Anschaffungspreis ist höher, dafür tut man aber der Umwelt einen Gefallen.

 

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Philipp

philipp@einfachleben.blog

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2 Gedanken zu „Bambusbecher – Lösung des Einwegwahns?

  1. Kristin Dahl sagt:

    Hallo Herr Walter,

    nach einem umfassenden Vergleich haben wir den Bambusbecher insbesondere aus ökologischen Gründen ausgewählt. Er besteht vorwiegend aus nachwachsenden Rohstoffen – laut Herstellerangabe zu 55 % aus organischer Bambusfaser, zu 30 % aus Maismehl aus gentechnisch unverändertem Mais und zu 15 % aus Melaminharz und Farbstoff. Zudem ist er frei von BPA und Phthalaten, und beim Herstellungsprozess wird weniger C02 als bei vielen Konkurrenzprodukten freigesetzt.

    Der Hersteller hat uns auf Nachfrage die Laborergebnisse über durchgeführte Untersuchungen zugeschickt. Diese bestätigen die von Ihnen zitierten Aussagen des Instituts für Risikobewertung, die ebenfalls im Römpp Chemie Lexikon nachzulesen sind. Demnach gilt für den Übergang von Formaldehyd auf Lebensmittel ein Migrationsgrenzwert von 15 mg/kg. Bei Temperaturen bis zu 70°C, das entspricht den Bedingungen beim Einfüllen heißer Getränke in Tassen oder Becher, werden diese Werte eingehalten. Der Übergang von Melamin und Formaldehyd kann unter diesen Verwendungsbedingungen als unbedenklich eingestuft werden.

    Wir sind uns darüber bewusst, dass der Bambusbecher noch nicht 100 % perfekt ist. Doch unser Lieferant hat uns mitgeteilt, dass der Hersteller an der Entwicklung eines 100 % biologisch abbaubaren Materials arbeitet. Natürlich beobachten auch wir den Markt und informieren uns über nachhaltige Mehrweg-to-go-Becher, um mit einem möglichst attraktiven, nachhaltigen und alltagstauglichen Becher den besten Beitrag zur Vermeidung von Einwegbechern auf dem Campus zu sichern.

    Viele Grüße,
    Kristin Dahl, Qualitätssicherung Hochschulgastronomie, Studentenwerk SH

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